Mit ‘American Gothic’ getaggte Beiträge

A few good men and a good game

Veröffentlicht: 4. November 2009 von Gus Tarbiter in 3 Minuten Nachspielzeit
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1. Akt: Die Auswahl

Am Mittwoch war wieder Mittwochabend – Zeit die verdammte Arbeitswoche, der es normalerweise gelingt, uns von allem Schönen, Feinen und Erbaulichem fernzuhalten, in den Keller zu sperren und ein paar Stunden der Kontemplation einzuschieben. Zur diktatorisch festgelegten Auswahl standen „Kingsburg“ (aus Essen vom Heidelberger Jubiläumsverkauf), „Finca“ & „Egizia“ (ehemalige Schmidt-Vorführ-Spiele, ebenfalls aus Essen) und „Eine Frage der Ähre“ (glücklich eingetauscht im Math Trade). Aufgrund der zu erwartenden Verspätung von HErrn Rossi und heute auch Kolzi und der gerade erst frischen Winterzeit wendete sich das Blatt schnell gegen Kingsburg und Egizia.
Jahoo entschied sich für Finca, womit ich sehr einverstanden war und so packten wir Eine Frage der Ähre aus.

 

291009 Die Auswahl

"Finca ist eine gute Wahl, aber eines Tages wirst du Eine Frage der Ähre mit mir spielen müssen - nicht heute, aber eines Tages!" "Ok, dann Frage der Ähre!"

 

2. Akt: Die Grafik

Wie ist die Grafik dieses Spiels schon verrissen worden. Von „Häßlich!“ über „Grauenvoll!“ bis hin zu „Unerträglich!“ war hier fast das gesamte Spektrum männlicher Unmutsäußerungen zu hören. Wohlgemerkt über die Optik eines Spiels, nicht wie sonst! Auch bei uns war das Cover schnell ein Thema, waren doch mit den beiden mittlerweile eingetroffenen Kolzi und HErrn Rossi zwei „Profis“ anwesend. Doch siehe da, kein ablehnendes Wort war zu hören, vielmehr „Erquickende Abwechslung!“, „Schön gemacht!“, „Sehr stilvoll!“, „Bescheuerter Name!“ – wir waren uns einig: neben all den Menzelvohwinkel-Covern hatte hier ein Verlag einen erfreulichen anderen Weg gewählt – nichts gegen die grandiose Arbeit der Jungs auf empirisch geschätzten 95% aller Spielschachteln, aber variatio delectat, wie der Klugscheißer sagt, und davon haben wir ja einige in unserer Runde (im Normalfall: vier). Schnell wurde noch die Ähnlichkeit des Titelbildes zum typischen Wachtturm-Artwork und die des Schriftzugs zu Brötchentüten-Logos abgefrühstückt und schon konnte es losgehen.

 

Broetchentuete

Die Brötchentütenlogoähnlichkeitsproblematik: "Original" und Fälschung sind nahezu identisch

 

Beim Blick auf den Spielplan dann der erste Dämpfer unserer Euphorie: „Da stimmt die isometrische Perspektive  ja überhaupt nicht! Die Scheune ist total dämlich auseinandergeklappt!“, machte sich bei  Kolzi erste Enttäuschung breit.  „Ich hab‘ mir ein Digderidoo gekauft!“ lenkte HErr Rossi thematisch übergangslos geschickt ab und rettete die brenzlige Situtation. Wer sich für die Inhalte des darauffolgenden Kurzreferat interessiert, sei hierauf  verwiesen.

 

Butterbrotsvergleich

Überraschend: Auch der Inhalt von Tüte und Schachtel ist für den uninteressierten Laien kaum zu unterscheiden

 

3. Akt: Der gemütliche Teil

„Was wollt ihr trinken?“ kam ich nun auch endlich meinen Gustgeberpflichten nach. „Wellnessscheiß!“, „Wellnessscheiß!“, „Ich brauch was mit Alkohol!“ „Es ist noch ein bisschen Bodensatz in der Flasche Wein von vor 2 Wochen!“ „Klingt lecker, her damit!“ – schnell war man sich einig.

Anders als bei Steel Driver vor 2 Wochen oder v.a. Race for the Galaxy vor 3 Wochen waren die Regeln und Abläufe schnell allen klar und so konnte sich bereits in dieser ersten Partie ein kontinuierlicher Gameflow entwickeln, unterbrochen nur von ein paar kurzen Denkpausen, die mit erfrischend beleidigenden Beschimpfungen geahndet wurden. Auch auf die unsachgemäße Verwendung der im Spiel vorkommenden Fachtermini („RAPS!“ „RAAHAAPS, nicht Klee!“, „Das ist keine verdammte Möhre sondern MAIS!“ „Wie kann man nur so dumm sein?“) wurde auf gewohnt dezente Art hingewiesen.

 

Angebissen

Erst der Geschmackstest zeigt den Unterschied auf: Die Gurke ist aus Holland, das Brot von gestern und kann man Klee überhaupt essen?

 

Gefallen hat es uns, trotz des nicht geringen Glücksanteils beim Nachziehen der Plättchen, wirklich gut. Kein Oberanspruchsvolltaktikhammer aber ein gut funktionierendes, taktisches und unanspruchsloses Familienspiel. Ex abdomine vermuteten wir, dass es sich nicht auszahlt, gegen einen führenden Spieler zu spielen, wenn es einem selber nichts nützt, da man dann den eigenen Zug verschenkt und die nicht beteiligten Spieler die Nutznießer sind. Dass aber sogar der Verlierer voll des Lobes für das Spiel war, zeigt, dass man selbst als hintenliegender Spieler noch am Geschehen beteiligt ist – die in unserer Partie letztendlich deutlichen Abstände zwischen den Siegpunkten spiegelten nicht den gefühlten Abstand während des Spiels wider. Und das, obwohl die Punkte laufend auf der Kramer-Leiste nachgehalten werden – außer die der verdeckten Tierplättchen.

 

Aehre

Spielspaß: 2-, Isometrie: 5+

 

Womit ich äußerst geschickt zum einzigen Kritikpunkt unserer Runde am Spiel übergeleitet habe, denn die Zufallspunkte der Tierplättchen stießen auch uns zunächst ein wenig sauer auf, hier würde ich vielleicht den irgendwo im Netz gelesenen Vorschlag, sie nach der Reihenfolge des Erreichens (der Erste, der als Erster ein Feld erreicht, bekommt die „15“, der Zweite, der als Erster ein Feld erreicht, bekommt die „14“, der Erste, der als Zweiter ein Feld erreicht, bekommt die „10“ usw. – was bekommt der Dritte, der als Vierter ein Feld erreicht?) beim nächsten Mal ausprobieren wollen. Dagegen spricht allerdings, dass jederzeit völlige Punkteklarheit bestünde und die einzige Unwägbarkeit die verdeckten Plättchen wären. Unter Umständen würde das Spiel dann zum Ende hin in endlose Ausrechnerei ausarten, was dem Spielgefühl gewiss nicht guttäte und einen faden Abschluss hinterließe. Vielleicht spielen wir es doch auch beim nächsten Mal genauso, wie laut Regel vorgesehen. Aus irgendeinem Grund werden sich Autor und Redaktion wohl für die Zufallsvariante entschieden haben. Wer sind wir, dass wir diese Entscheidung anzweifeln wollten?  Aber ein nächstes Mal wird es in absehbarer Zeit eh nicht geben, zuviele neue Spiele zwinkern mir aus meinen Regalen zu. Beim nächsten Mal z.B. „Finca“.

Gus
(berichtet vom 29.10.09)

PS: Eigentlich sollte dieser Beitrag mit einer kleinen, launigen Aufzählung möglicher wortspielerischer englischer Titel für dieses Spiel starten, die sich aus Filmtiteln und Feldfrüchten zusammensetzen. Aber erstens ist mir nicht ein einziger eingefallen und zweitens ist das hier bereits in aller Ausführlichkeit geschehen, sogar unter Beisein des Autors – dem ist also nichts hinzuzufügen.

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