Mit ‘Ägyptologie’ getaggte Beiträge

Nach zwölf im Bett

Veröffentlicht: 12. November 2009 von Gus Tarbiter in 3 Minuten Nachspielzeit
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Egizia – die sagenumwobene Festungsstadt am Nil. Sie war Sommersitz der Pharaonen,  berühmt für ihre Gräberstadt und schon in der Antike lobte man ihre Glas- und Keramikarbeiten weit über den Mittelmeerraum hinaus. Bereits damals wurde sie wegen des sie umgebenden, in der Abendsonne grün leuchtenden Schilfgürtels der Smaragd Ägyptens genannt. Im Mittelalter dann, bekannt als die Stadt der 999 Minarette, war sie das Bollwerk gegen die von Osten anrückenden Kreuzritter und somit die Bewahrerin eines islamischen Ägyptens. Heute stellt sie mit ca. 1 Mio Einwohner die drittgrößte Stadt Ägyptens dar und ist jährlich Anlaufpunkt für die 3fache Menge an Touristen.

Ist natürlich alles Quatsch. Egizia ist italienisch und bedeutet (alt)ägyptisch. Wenn der italienische Name zunächst auch verwundert, da das Spiel bei Hans im Glück und nicht bei dV, Mind the Move oder gar La fortuna di Gianni erschienen ist und es sich auch um keine Neuauflage eines dort erschienen Spiels handelt, erklärt sich (zumindest in meinen Augen) durch einen Blick auf den Autoren. „Acchittocca“ ist das italienische Autorenquartett, das auch schon für das großartige „Maestro Leonardo“ verantwortlich war und dessen „Comuni“ mich schon lange reizt zu spielen.

 Genug geschlaumeiert.

 

041109 Die Auswahl

Machen Sie Ihr Kreuz an der richtigen Stelle - Demokratie kann so einfach sein.

 

„Warum eigentlich Egizia?“ mag sich der aufmerksame Leser fragen, „Stand für den Mittwochabend letzter Woche nicht „Finca“ auf dem Plan?“ Ganz genau, korrekt, exakt, richtig, sehr gut aufgepasst. Da aber HErr Rossi heute nicht unter uns weilen konnte, gab es eine kleine Planänderung. Aller Voraussicht nach würden wir durch diesen unglücklichen Umstand eher anfangen können, und das Spiel zu dritt auch vielleicht nicht so lange dauern. Daher entschied ich, bevor noch irgendjemand eingetroffen war und eine im Mindesten demokratische Entscheidung getroffen werden konnte, dass wir heute Egizia spielen würden. Rattenfängerisch erzählte ich meinen eintrudelnden Mitspielern, dass ich das Spiel ja bereits auf der Messe gespielt hätte und daher die Regeln erklären könnte – mein Plan ging auf und Egizia fand allgemeine, begeisterte Zustimmung. Beim Regelerklären fiel auf, dass der Schmidt-Erklärbär offenbar ein paar Details geringfügig falsch erklärt hatte, z.B. die Reihenfolge, in der an den Bauplätzen agiert wird (Eb: vorn zuerst, Regel: hinten zuerst) oder die Auswahlmöglichkeiten an den Gräbern (Eb: ein Plättchen zur freien Auswahl von den offenen, Regel: immer nur das vorderste). Keine groben Fehler, aber solche, die doch den Spielverlauf beeinflussen sollten, da bei uns zum einen hochwertige Gräber vorn lagen und so zunächst mehr im Obelisken gebaut wurde und zum anderen ein bisschen mehr um die hinteren Bauplätze gepokert wurde, nach Erklärbärregel war es einfach gut, der erste zu sein, was etwas übersichtlicher ist.

 

Unschöne Szenen 1

Unschöne Szenen am Spielfeldrand 1: Fehlendes Sakko trotz zeremoniellen Anlasses

 

Ähnlich wie Maestro Leonardo ist das Spiel ist ein typisches Worker Placement Game, wie sie derzeit (zu Recht, weil spaßig) boomen. Genau wie dort habe ich auch hier jede Runde die Wahl der Qual, ob ich meine generelle Situation für zukünftige Runden verbessere oder die schnelle Mark (hier „Siegpunkte“, dort „Gulden“) mache. Anders als bei Maestro Leonardo, bei dem mich mein Mangel an Lehrling und Geld beschränkt, habe ich hier oft am Ende noch Schiffe übrig, der Druck entsteht eher dadurch, dass, wenn ich mir diese eine Situtationsverbesserungskarte noch besorge, beim nächsten Einsetzen auf einmal schon alle Plätze am Bauwerk belegt sind, da derer immer einer weniger sind, als Mitspieler (außer im 2-Personen-Spiel). Diese Einsetzmechanik entlang des Nils flußabwärts hat uns in beiden Runden sehr gut gefallen, da sie uns recht neuartig zumindest erschien. Mag sie zwar alter Wein in neuen Schläuchen sein, schmeckte sie aber dennoch sehr lecker.

 

Schöne Szenen 1

Schöne Szenen am Spielfeldrand 1: Kinderpsychologen hätten ihre helle "Freude"

 

Natürlich stimmte die Zeitangabe auf der Schachtel mal wieder überhaupt nicht und wir spielten nicht nur vielviel länger sondern sogar viel zu lang. Hallo? Wir müssen alle am nächsten Tag arbeiten! Da will man sich doch wenigstens ein bisschen nach der Zeitangabe richten können. Und wir waren noch nichtmal zu viert. Ich sehe ja ein, dass ein Spiel beim ersten Mal immer etwas länger dauert, als angegeben, da man in den ersten Runden die Abläufe noch nicht verinnerlicht hat, viele Fragen auftauchen, Regeln nachgelesen werden müssen – geschenkt, davon reden wir nicht – aber doch nicht fast doppelt so lang! Dieses methodische Spielzeitkürzerangebenalssietatsächlichist um die Attraktivität eines Spiels auch für Familienspieler zu erhöhen, empfinde ich schon als äußerst lästig. Ich kenne jedenfalls kaum Spiele, bei denen die angegebene Zeit auch nur in die Nähe der Realität kommt (leichte Übertreibung als rethorisches Mittel). Wäre doch mal eine feine neue, revolutionäre Geschäftsidee: Spiele mit realistischen Alters- und Zeitangaben. Vielleicht mit Unterteilung für Viel-, Gelegenheits-, Wenig- und Garnichtspielern und unterschieden nach Spielrunden, in denen man sich kennt und mag und das auch verbal zum Ausdruck bringt, und solchen, in denen nur das Nötigste („Du bist dran!“) gesprochen wird. 

Bis dahin bleibt allerdings die Frage: Werden da tatsächlich solche knappen Zeiten in den Redaktionen gestoppt? Hetzen da Testspieler nur so durch die Partien, jeder Zug ist in Windeseile optimiert, Würfelwürfe werden in die Bretter gefräst, keiner spricht mit anderen, Sozialverhalten fällt völlig aus und keiner hat mehr Spaß? 

 

Egizia

Spielspaß: 2, Spielzeitangabe: 4

 

So ist es bei uns glücklicherweise nicht – dafür ist man nach zwölf im Bett und erst am nächsten Morgen hat keiner mehr Spaß!

Gus
(berichtete vom 04.11.09)

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