schlechter spielen: Vasco da Gama – Die Kapitänssteuer

Veröffentlicht: 18. Oktober 2010 von Gus Tarbiter in 3 Minuten Nachspielzeit
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Ist das nicht fantastisch, wie ganz weit vorne wir hier auf der Höhe des Zeitgeistes waren? Da spielte die Welt gerade auf zwei Tore und wir Toren von Welt spielten die „Tore der Welt“! Ein Spiel, dessen Titel nicht nur für 2-3 billige Wortspiele gereicht sondern das auch just 2 Wochen zuvor diesen extra neu geschaffenen Titel „Spiel des Jahres XXL2“ (the Preis formerly known as „Sonderpreis Komplexes Spiel“) einheimsen konnte.

Natürlich begann es trotzdem wie immer scheiße. Kolzi hatte eigens eine Maschine demoliert um nicht kommen zu müssen sondern auf einen „Servicetechniker“ mit 180€ Anfahrtsweg warten zu können (gezielt gestreute Kontrollanrufe erwischten ihn natürlich auf dem heimischen Sofa, aber immerhin ungeduscht, sodass uns sein Nichterscheinen doch deutlich erleichterte). Unsicher ist natürlich, in wie weit erneut Wu-Feng seine Finger im Spiel, bzw. daraus hinaus, hatte, und entweder von Kolzi, der Maschine, beiden, dem Servicetechniker oder Dusche + Sofa Besitz ergriffen hatte. Wir wollten es uns nicht ausmalen und traten zu dritt lieber nicht gegen ihn an.

Stattdessen wollten wir ohne Kolzi natürlich unbedingt ein Spiel mit Sichtschirmen und mit Schwarz als Spielerfarbe spielen, außerdem sollte es möglichst eines sein, dass ich am Wochenende in anderer Runde bereits ausprobieren durfte und dessen Regeln ich schnell nochmal gelesen hatte, um einen Plan B parat zu haben, falls wir nur zu dritt sind. Um mal die 3 unsäglichen Wünsche auf einmal zu bemühen, wie so vieles funktionierten auch sie nicht und so mussten wir uns fix auf „Die Tore der Welt“ einigen, welches als einziges das 3. Kriterium erfüllte. Wir verzichteten also auf Auswahlkriterium 2, sortierten aber kaum weniger freudig die gelben Spielsteine hinter den gelben Sichtschirm und stellten ihn weit an die Seite.

 

Kleine Sichtschirmimpressionen: Grün

 

Ebenfalls freudig las ich dann in der donnerstäglichen Spielnachlese noch die Einschätzung von Sandra Lemberger

„Auf meiner persönlichen Hitliste von 2009 hat es das Spiel jedenfalls auf Platz 1 geschafft, denn sein Spielprinzip harmoniert wunderbar mit meiner „Aus-dem-Bauch-spielen-Mentalität““

 

die es für Kolzi noch attraktiver gemacht hätte. Dass ich diese Einschätzung nicht so ganz teile (also den Bauch-Teil) muss ihm ja keiner verraten.

Während HErr Rossi also ein klein wenig Auflaufrest in sich schaufelte (incl. meiner Portion für die nächsten beiden Tage), den Mrs. Tarbiter ihm in der ihr Wesen ausfüllenden Güte anbot und Jahooo immerhin 2 Bechern abgelaufenem Stracciatella Quark den wohlverdienten Garaus bereitete, gelang es mir, in sensationeller Windeseile (ca. 45 min), nicht nur das Spiel aufzubauen, sondern auch die Regeln zu erklären, sodass uns der schon nicht mehr geglaubte Spielstart um 22.00 Uhr gelang. Notiz an mich: Wer isst kann nix erzählen!

 

Kleine Sichtschirmimpressionen: Blau

 

Natürlich wählten wir wider besseres Wissen die Nicht-Einsteiger-Variante mit alles und scharf. D.h. ab dem ersten Kapitel wurde mit Tzaziki allen Aktionskarten gespielt, was schnell zu unterschiedlichen Strategien führte, Jahooo setzte auf Häuschen, mit denen ich in der Wochenendpartie keine gute Figur abgegeben hatte, da sie mir abgerissen wurden oder nur halbe Erträge brachten (worauf ich ihn seltsamerweise auch hinwies, aber der Hinweis eines Wochenend-Loosers interessierte ihn sichtlich nicht und er hatte dann auch deutlich mehr Glück), ich wählte die Bauwerke-Strategie, baute also sooft es ging doppelt, setzte häufig Siegel und gelangte kollateral durch Zufall an das meiste medizinische Wissen, HErr Rossi verfolgte die In-allen-Pötten-ein-bisschen-rühr-Strategie und verließ sich ansonsten auf sein Pech. Damit hatte er großen Erfolg, baute zunächst kontinuierlich seinen Vorsprung aus und führte nahezu uneinholbar um dann im richtigen Moment umzuschwenken und dadurch letztendlich zu verlieren. Hut ab vor soviel Konsequenz: als es im 2. Kapitel Medizin für Frömmigkeit gab, hatte er noch keine Chance gehabt, eine zu bekommen; er wandelte im 3. Kapitel Wolle in Tuch um, genau eine Runde bevor der Markt für Tuch geschlossen wurde und er nix mehr verkaufen konnte – Konsequenz war, dass er 0 Gold für Steuern zur Verfügung hatte und natürlich würfelte Jahooo eine 5 mit dem Steuerwürfel (zur Erinnerung: die höchste Zahl des Würfels ist 5); dafür war er der Einzige der gegen Spende Siegpunkte erwürfeln konnte und legte souverän eine 2 auf den Tisch (zur Erinnerung: die niedrigste Zahl des Würfels ist 2); und als vor der letzten Runde des 3. Kapitels eine Karte blind gezogen werden musste, zog ich ihm von zweien natürlich die, die er noch hätte verwenden können.

 

Kleine Sichtschirmimpressionen: Rot

 

So aus dem Spiel gekegelt wurde der Sieg letztlich zwischen Jahooo und mir entschieden wobei wir uns einig waren, dass mein Vorsprung an medizinischem Wissen gegenüber Jahooos (Zwangs)vernachlässigung desselben (kein Medizinhäuschen gebaut, aber auch kein Wissen auf anderem Wege erhalten, medizinisches, versteht sich) das Quäntchen war, dass letztendlich den Sieg bedeutete.

Ob die in der 3er Partie ständig gleichbleibende Startspielerreihenfolge in jedem Kapitel (ich war immer Startspieler am Anfang des Kapitels, Jahooo immer in der letzten Runde, HErr Rossi dann so zwischendurch) negative Auswirkungen auf die Ausgewogenheit hatte, vermochten wir auch bei richtig dollem Drübernachdenken nicht zu sagen. Die Autoren bestreiten es jedenfalls (ich weiß aber nicht, mehr, wo ich das gelesen habe, würde also im Zweifelsfall bestreiten, das jemals behauptet zu haben – war es in der spielbox???). Das müssen wir dann wohl nochmal durchrechnen. Oder besser, irgendwer anders. Westpark Gamers , bitte übernehmen Sie.

 

Keine Sichtschirmimpressionen: Gelb

 

Einig waren wir uns jedoch darüber, dass den Verlierer, wie schon bei Agricola und auch bei Dungeon Lords, das Nichtbezahlen von Steuern und Abgaben bestimmt hatte. Eine wichtige Lehre, die wir uns auch im Real Life ständig vergegenwärtigen sollten.

Gleiches hatten wir auch beim vorangegangenen Brettspielwochenende unserer Rollenspielrunde beobachten dürfen. Sogar gleich 2x am selben Tag, da wir donnerstagnachmittags Dungeon Lords und abends Tore der Welt spielten. Bei Dungeon Lords haute es gleich 2 Mitspieler raus, die kleinere Mengen roter Siegel der Behörde einsammeln durften und mir brach ein einziges fehlendes Korn bei Tore der Welt zumindest soweit das Genick, dass es nur noch für Platz 3 reichte (Obwohl ich die passende Aktionskarte sogar noch hatte, und hätte einsetzen können, es war nur kein Korn mehr im Vorrat! Ein Mangel-Aspekt, um den eine Partie zu viert übrigens reicher sein dürfte, zu dritt wird es wohl noch seltener zu Vorratsengpässen kommen, da kein Material vor Spielbeginn aussortiert wird – warum eigentlich nicht?). Soviel begeistert gespieltes Steuerrecht führte dazu, dass wir am Folgetag bei Vasco da Gama noch während der Partie die angeblich am Ende zu bezahlende Kapitäns-Steuer erfanden, deren Höhe 3 Gold pro angeheuertem Kapitän betragen sollte. Mit Erfolg gekrönte Niedertracht, denn Gürgen, der bei den Regeln trotz mehrfacher namentlicher Ermahnung nicht vernünftig zugehört hatte, warb ab dem Mittelteil keine Kapitäne mehr an („Neenee, das wird mir zu teuer, wie wollt ihr das denn alles am Ende bezahlen?“) und spielte die letzte Runde nur noch auf Gold, um nicht wieder in die Steuerfalle zu geraten. Naja, das war dann ja am Ende nicht völlig wertlos, sodass er nur mit Pauken, aber ohne Trompeten verlor, die Kapitäne waren immer noch niedlich und beim anschließenden Imperial konnte er dann seine neugewonnene Erfahrung gleich anwenden, indem er einfach mal bei den Regeln zuhörte und prompt gewann.

 

Völlig egal, wie man spielt, im Mittelspiel gleicht sich alles aus

 

Es hat ja niemand behauptet, dass es Spaß macht, mit uns zu spielen. Dafür kann man immer was Wichtiges lernen, mal über Steuern, mal über’s Zuhören, immer über Niedertracht. Und wer hier genau aufgepasst hat, weiß jetzt auch, dass meine anderen Freunde auch nicht besser als und genauso fiese wie die Mittwochsmoserer sind. Eines Tages werde ich vielleicht auch begreifen, dass das einfach nur an mir liegt, aber bis dahin ist es noch ein langer und sturköpfiger Weg voller Unverständnis und Beton. Was es mit diesem Spielewochenende auf sich hat, warum keiner der Mittwochsmäkler dabei ist und warum Gürgen Häfen am liebsten sofort wieder mit einmischt, erzähle ich vielleicht ein andermal wenn ein paar Zeilen anstehen, gefüllt zu werden, denn hier in diese muss erst noch ein bisschen anderer Kram, immerhin habe ich ja noch kein Wort darüber verloren, wie wir’s denn nun eigentlich fanden. Wenn ich jetzt auch noch auf Spielewochenenden eingehen soll, zieht sich dieser Artikel wahrscheinlich nochmal weitere 4 Monate hin, die Aktualität ist nicht nur aufgehoben, sondern schwenkt ins Negative und es gibt bald schon wieder ein neues Spiel des Jahres Maxi-King.

 

Ja, HErr Rossi sucht das Pech

 

Also besser schnell noch, bevor das hier ausartet: wie fanden wir’s?

Nicht nur stimmige Umsetzung des (von uns allen ungelesenen, daher können wir das so super beurteilen) Buches (wobei: wir bewerten hier Spiele schon nach einmaligem Spielen, dann können wir ja wohl auch Bücher nach dem Lesen des Klappentextes rezensieren), sondern auch des echten Lebens  hat uns begeistert. Dieses Gefühl unterstützte natürlich die grandiose Grafik, auch wenn’s schon wieder Menzel ist. Als sehr pfiffig empfanden wir dabei die Einteilung des Spiels in Kapitel statt in Phasen, als sehr unpfiffig die Einteilung eines Kapitels in Runden – das müssten doch Seiten sein! Jede Runde startet mit dem schönen, unverbrauchten Mechanismus der zu legenden Rohstoffzuordnungskarte und schreitet fort mit der Überlegung, welche Karte zu legen und welche in diesem Durchgang nichts nütze ist. Der Umstand, dass die Zahl der nicht zu gebrauchenden Karten i.d.R. bei ca. 1 liegt, treibt diese Überlegung in angenehmer Weise ins Unangenehme. Sie endet schließlich mit ein bisschen ernten, verwalten und Punkte einheimsen. Strategie, Taktik und Unglück ergeben einen spielenswerten Mix, der auf vielen Wegen, wenn schon nicht zum Ziel, so doch in den Untergang und in mehr (Gus) oder weniger (HErr Rossi) vergnügliche 2 Stunden führt. Das ganze spielt sich im Grunde wie Worker Placement, auch wenn nicht wirklich Worker geplacet werden. Und sind nicht Worker Placement Spiele die derzeitige Crème de la Eurogame? Ich glaube, ja. Ich jedenfalls könnte sie unentwegt spielen (wobei ich zugegebenermaßen manchmal auch große Lust auf eine schönes, regeleinfaches Legespiel oder ein Zwischendurchdominion habe), sie sind größtenteils richtig gut, gerade auch die in letzter Zeit gespielten (auch bei sehr angestrengtem Nachdenken fällt mir gerade kein schlechtes ein, ich bitte um Nachsicht und sachdienliche Hinweise) – so auch „Die Tore der Welt“.

 

Das blaue Belohnungs-Klötzchen war uns zu popelig - Die Bastelanleitung zu dieser Custom-made-Erweiterung demnächst vielleicht in unserem Service-Bereich

 

Als Fachorgan für harmoniesüchtige Bauch-Experten ohne Gefühle müssen wir uns natürlich abschließend noch mit der Frage der Stimmigkeit der bereits zitierten Aussage beschäftigen. Grundsätzlich sei es natürlich jedem unbelassen, das Spiel bäuchlings zu spielen, Teile unseres kleinen Zirkels bewerkstelligen das ja beeindruckender Weise bei jedem Spiel, aber ob es letztendlich zielführend ist (mal vorausgesetzt, das Ziel ist, die meisten Siegpunkte zu ergattern und nicht, einfach mal alles auszuprobieren und ansonsten ein bisschen zu dümpeln), daran hege ich leise Zweifel. Wobei das nach 2maligem Spielen auch wieder nur so ein Bauchgefühl sein kann. Aber zumindest bezüglich einiger Spielelemente sollte man schon langfristige Strategien haben, z.B. schließt man entweder den Erwerb von Häuschen von vornherein kategorisch aus oder baut sie ab dem ersten Kapitel, um aus ihnen den vollen Nutzen zu ziehen. Sich plötzlich nach 2 häuschenfreien Kapiteln im 3. noch zu überlegen, setze ich mal doch noch schnell alles auf Häuser, weil’s, warum auch immer, gerade so schön passt oder der Magen knurrt, dürfte sich als wenig weise erweisen. Auch Medizin sollte langfristig geplant sein, Wischiwaschi-Taktiken und spätes Auf-den-Zug-Springen bringen nur Wischiwaschi-Siegpunkte und man läuft dem Zug hinterher. Die einzelnen Runden eines Kapitels müssen den aktuellen Gegebenheiten flexibel angepasst werden, aber wohin die Reise gehen soll, sollte man sich weitestgehend doch schon vorher überlegen und die Route bei günstigen Konstellationen noch anpassen, dann aber frühzeitig, weil z.B. die Medizin ungeplant auf einen hernieder prasselt.

 

Hilf anderen, dann hilft dir Gott - Vorsprung durch Medizin

 

Trotz also notwendiger, langfristiger Planungen ergibt sich insgesamt aber ein lockeres, flexibles, wenig grübellastiges Spiel – vielleicht war das ja auch mit Bauchmentalität gemeint. Das jedenfalls könnten wir so unterschreiben und daher wäre „Die Tore der Welt“ unser ganz heißer Anwärter auf den Deutschen Spielepreis gewesen, denn einen würdigen Preis hätte es verdient und wir es gerne schnellstmöglich wieder auf dem Tisch gehabt.

 

Spielspaß: 2+, Essensaussichten für die nächsten Tage (s. Pfeil): 6

 

Die Weisheit der damals noch Zukunft, in der ich diese Zeilen verfasse, zeigt aber, dass nicht jeder Plan im Leben klappt, schon gar nicht in meinem. Diesmal scheiterten also gleich zwei auf einmal. Doppelgratulation an Fresko, dass nicht nur den Deutschen Spielepreis bekommen sondern auch, noch ehrenvoller, neulich den Platz auf unseren Tisch geschafft hat.

„Leben ist das, was … blablablawürgblabla!“

Wir sind hier doch nicht die Grafikwerkstatt Bielefeld, und scheuen außerdem die Alimente an Yoko Ono.

Gus
(berichtete vom 16.06.10)

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Kommentare
  1. Kolzivers sagt:

    Och menno – immer diese Sichtschirmspiele wenn ich nicht da bin 😦

  2. […] war – so war ich dann auch nie knapp bei Kasse – was man durch eine völlig überhöhte Porträt-Steuer, die wir auch nicht regelwidrig einführten, obwohl dies für uns Steuerspielespieler ein […]

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