Hassen Stanztechniker Griechen?

Veröffentlicht am 3. Januar 2010 von Gus Tarbiter in 3 Minuten Nachspielzeit

Liste der Dinge, die ich ganz gerne mag (tendenziell unvollständig): 

  1. Mrs Tarbiter
  2. Knabberartikel von funny frisch
  3. Pappenes Spielmaterial, das beim Auspöppeln durch sachten Druck mit einem zarten „Plöpp“ aus dem Stanzrahmen federt und sanft zu Tisch gleitet
  4. Weltfrieden 

Nach 4 Wochen krankheitsbedingter Pause (2x ich, 1x HErr Rossi & Jahooo, 1x HErr Rossi & Kolzi) war vorletzte Woche endlich wieder Mittwochabend. Kolzi kam etwas später und war trotzdem als erster da, im Grunde sogar vor mir. Zur Feier des Tages hatte er extra ein nagelneues Parfum aufgelegt: Chinois aigre-doux – einem “netten” Abend stand also fast nichts im Wege. Da wir uns so lange nicht gesehen hatten, bestand zunächst extremer Gesprächsbedarf, so vieles Interessantes musste berichtet werden: Husten, Schnupfen, Hals, Kopfschmerzen, Fieber und Schweinegrippeimpfungen.

 

Vorteil wenn man krank ist: man kann endlich mal Liegengebliebenes wegarbeiten.

 

Um halb 10 widmeten wir uns dann endlich dem eigentlichen Grund unseres Zusammenseins … anschließend wurde gespielt. Sehr freute ich mich auf das heute zur Auswahl stehende „Peloponnes“, verfolge ich doch das Blog von Bernd Eisenstein, in dem er neben den weniger interessanten Berichten von gespielten Spielen und wer sie gewann (wobei mich immer die an einem Abend gespielte Menge an Spielen beeindruckt, schaffen wir in der Regel gerade mal ein einziges) doch auch immer Einblick in die Arbeit seiner Spielautorenrunde gewährt. Für unerfahrene Autoren wäre es zwar noch hilfreicher, wenn er in diesem Rahmen ein klein wenig konkreter wäre als „ich erhielt wertvolle Tipps zur Verbesserung“, aber das ist, so vermute ich, der Möglichkeit des Ideenklaus geschuldet und liest sich trotzdem nicht uninteressant. Auch die Vorstellungen seiner entwickelten Spiele finde ich recht spannend, wenn auch hier die Schwammigkeit der Beschreibung aus oben genanntem Grund überwiegt (dass es auch offenherziger geht, zeigt übrigens Friedemann Frieses Freitagsblog , er nimmt den Leser mit allen Details auf die Entwicklungsreise mit und schützt sich so gleichzeitig vor Ideenklau, da ja alles als seine Idee dokumentiert ist). Ist es nun wirklich so brillant, wie auch auf spielbar.com zu lesen war, oder wurde es zu Recht von großen Verlagen abgelehnt, Last Exit Eigenverlag? In festem Glauben an ersteres und der Ansicht, das zarte Pflänzchen Iron Games direkt zu unterstützen, hatte ich es für die Messe vorbestellt und gleich mitsamt der Erweiterung erworben (immerhin gab’s ein Poster dazu, dass leider nicht mal den Transport zum Auto heile überstanden hat).

 

„Finca“ im Math Trade glücklich gegen „Die Tore der Welt“ weggetauscht, blieb uns nur „Peloponnes“ zu spielen übrig.

  

Scheinbar ohne sichtbaren Einfluss auf die Punkte 1-2 und 4 meiner eingangs aufgestellten Liste versagte Peloponnes in Punkt 3 schon mal auf ganzer Linie. Zunächst munter drauflosausgepöppelt zeigte sich schnell, dass die Pappplättchen nur schwer und mit Gewalt aus den Stanzbögen zu lösen waren, dabei große Brocken bedruckter Beschichtung mitrissen, oder, viel, viel schlimmer, hängen ließen. Als wir es bemerkten, war es schon zu spät und etliche Plättchen waren, da sie natürlich an ihrer Rückseite fest gehangen hatten, gezinkt.

 

Unschöne Szenen am Spielfeldrand 4: Unzulängliche Produktion = Enttäuschte Kinderaugen

 

Da ich seinerzeit bei “Khronos” schon so eine optische Ahnung hatte, und gleich den Cutter zu Hilfe nahm, hatte ich eine ähnliche Pappplättchenauspöppelkatastrophe bisher nur bei “Hellas” (anscheinend werden Spiele mit griechischen Namen oder altgriechischer Thematik von Stanztechnikern besonders gehasst, ich wage besser gar nicht mehr, mein “Attika “auszupöppeln, einen Blick in die “Kreta”-Schachtel zu werfen oder gar das “Magna Graecia” anzufassen). Damals von Kosmos an die Produktionsfirma Ludofact verwiesen, hatte ich ein längeres Telefonat mit einer Dame, der ich erklärte, dass die Hexfelder meines Spieles “Hellas” nicht richtig durchgestanzt worden waren und beim Auspöppeln stark beschädigt wurden. Sie versicherte mir, dass ich bald als Ersatz die beschädigten Hexfelder des Siedler-Spieles bekäme, wollte aber noch wissen, ob es das Grundspiel oder eine der Erweiterungen gewesen wäre, damit sie mir auch die richtigen Felder zuschicken könnten. Eilig betonte ich noch einmal, dass es sich mitnichten um Siedler-Hexfelder handelte, sondern um die aus dem 2-Personen-Spiel “Hellas”. Sie zeigte sich überrascht darüber, dass Ludofact auch dieses Spiel produzieren würde, hatte sie den Titel doch noch nie gehört. Sie versicherte mir aber, alles Nötige in die Wege zu leiten und mir Ersatz für die beschädigten Teile zuzusenden. Nicht mal 2 Wochen später erreichte mich schon der Brief von Ludofact mit einem vollständigen Satz neuer, unbeschädigter Hexfelder – für mein unbeschädigtes Siedler-Grundspiel. Nach einem nochmaligen Telefonat, in dem ich bei einer anderen Mitarbeiterin ebenfalls auf die Vielfältigkeit der Produktionspalette ihres Unternehmens hinzuweisen die Ehre hatte, bekam ich dann aber doch recht zügig meine ersehnten “Hellas”-Hexfelder und bin glücklich mit meinem zusätzlichen Siedler-Landschaften-Set, dass ich für den Fall der Fälle (welchen eigentlich genau?) natürlich eingelagert habe.

Da die Produktpalette von Iron Games ja noch im deutlich überschaubaren Rahmen liegt, und es sich ja nur um viereckige Plättchen handelt, bin ich sicher, hier Missverständnisse schnell umschiffen zu können und freue mich auf einen bestimmt schnellen und freundlichen Service (ebenso, wie auf das hoffentlich irgendwann erscheinende “Porto Carthago”, welches in meinen Ohren überaus reizvoll in der Beschreibung klingt), der sich zumindest durch den netten Mailkontakt beim Vorbestellen des Spiels angekündigt hat. Ich werde hier selbstverständlich von der weiteren Entwicklung berichten.

 

 

Für’s Erste musste der Pritt-Stift die schlimmsten Schönheitsfehler korrigieren, was natürlich auch wieder zu sanften Unmuts-Äußerungen Anlass gab: “Mit P*mmel-Pritt! Das wird doch nie was!” Wurde es aber doch. Naja, wenigstens so einigermaßen. Naja, zumindest ein bisschen. Naja, zu sehen war’s schon noch. Naja, merken kann sich die Plättchen beim ersten Mal sowieso keiner. Naja, es liegt ja immer nur 1 von fünf oben. Naja, unzufrieden war ich selber.

“Ganz erstaunlich, für einen Kleinverlag, dass die Grafik von einem derart namhaften Künstler übernommen wurde.” wagte ich anzumerken. Doch da hatte ich die Rechnung ohne meine 3 objektiven Meckerpötte gemacht. “Matthias …wie? Nie gehört!”, “Namhaft, namhaft, guck dir die Grafik doch mal an!”, “Das Cover ist doch wohl eher bedenklich!”.

Kritisch wurde die Schachtel unter die Lupe genommen. Und wirklich, all das, was mich schon bei der Dominion-Grafik gestört hatte, tauchte auch hier wieder auf, nur noch hoch 2: flächige, grobe Gesichter, Körper und Kleidung, steife Personen, unproportionierte Proportionen, Kindergartenperspektiven und vor allem die Beine der beiden Typen am Stand. Eigentlich mag ich ja oftmals alternative Zeichenstile abseits von Menzelvohwinkel (deren grandiose Kunst ich keinesfalls schmälern möchte, aber eben nicht so oft), aber mit Herrn Cathreins werde ich einfach nicht warm. So fiel auch mein Mit-Mob über das Material her: “Boah, da kann man ja nix erkennen, alles grau in grau mit undeutlichen Symbolen!” Konnte man aber doch, stellte sich schnell heraus. Nach 1-2 Runden hatten wir die Piktogramme verinnerlicht, konnten die Symbole hinreichend auseinanderhalten und auch die Zuordnung auf den Plättchen, was an welcher Stelle was bedeutet, war gelernt. Insofern kann ich die Kritik der spielbox nicht verstehen. Im Vergleich zu RftG liegt hier ein Juwel der Übersichtlichkeit vor und ein bisschen geistige Transferleistung ist den Spielern wohl zuzumuten, ist doch die Zielgruppe nicht unbedingt die gemischte Sonntagsnachtmittagsrunde von 9-99.

 

Warum nicht + 0,001, + 3%, oder „immer zweimal mehr wie du!“?

 

Die Regeln waren schnell verlesen und so ging es dann bereits um viertel nach 10 mit der ersten Versteigerung los. Leider hatten wir sehr viel Pech mit Katastrophen, nach der 3. Runde ereilte uns bereits die 2. (zunächst Erdbeben, dann Dürre) kombiniert natürlich mit einer frühen Versorgung, bei gleichzeitig nur einer vorherigen Möglichkeit, mittels Plättchen die Kornernte zu verbessern (die ich nicht ersteigern konnte), sodass ich meine gesamte Bevölkerung verlor und wieder bei 0 starten durfte. Recht frustrierend für die erste Partie und bereits ab diesem frühen Zeitpunkt den anderen nur noch mühsam hinterherzulaufen, die alle ab dem Start oder durch eben das Plättchen über Korn verfügten, erzeugte nicht unbedingt ein locker-leichtes Spielgefühl. Davon abgesehen hatten wir es mit einer, in dieser Vielschichtigkeit nach dem Regelstudium unerwarteten, Optimierungsaufgabe zu tun, aus wenig bis gar nichts das Beste zu machen. Ständige Geldknappheit, immer leicht zu teure Plättchen, bei denen sich viele auf wenige konzentrierten, von den falschen Rohstoffen zu viele, von den richtigen zu wenig und das ständigen Entscheidung zwischen Förderung der Zukunft oder dem schnellen Siegpunkt (und wenn Siegpunkt, dann welcher Art?), prägten ein Spiel, dessen Art ich eigentlich mag. Am Ende zog uns Kolzi, der zunächst die Nur-Geld-Strategie fahren wollte, sich aber dann aber doch eines Besseren besann / belehren ließ, uns alle uneinholbar vom Leder (“Hatte ich nicht eingangs gefragt, wieso diese unsinnigen +20 Marker für die Luxusgüter beiliegen? Öhm, ich bräuchte dann jetzt doch mal einen…!”) und war trotz aller Rechnerei auch von HErrn Rossi nicht mehr einzuholen. Nach Jammern und Meckern von Runde 1-6 gefiel ihm am Ende das Spiel dann erstaunlicherweise doch sehr gut, uns anderen fiel ein Gesamturteil erstaunlich schwer. War unsere erste Partie einfach zu untypisch gelaufen, von zu vielen Anfängerfehlern geprägt? Ich möchte es gern glauben, denn, um ehrlich zu sein, ist dies eins der Spiele, die ich mögen möchte. Wann gibt’s schon komplette Zivilisationsentwicklung in gerade mal einer Stunde?

 

So sehen Sieger aus

 

Obwohl wir uns hier ja anmaßen, die Weisheit einigermaßen mit Löffeln gefressen zu haben und nach dem ersten Spiel ein bereits endgültiges, unumstößliches Urteil ex abdomine fällen zu können, möchte ich bei “Peloponnes” also doch eine Ausnahme machen. Zu pfiffig erscheint mir der Bietmechanismus, der bei uns in der ersten Partie erst wenig zum Tragen kam, zu vielfältig die Möglichkeiten, andere zu stören, wo in der ersten Partie jeder größtenteils mit sich selber beschäftigt war (außer Jahooo, der sich dummerweise eine Runde mit mir beschäftigte und so sich und mich als Frühkatastrophengeschädigte endgültig aus dem Meisterschaftskampf warf). Zu ungünstig waren die ersten Runden verlaufen, mit ihren frühen Katastrophen, die die erste Partie recht frustrierend starten ließ, zu schön der an “Einfach Genial” angelehnte Wertungsmechanismus, der zwingt, gleichmäßig zu entwickeln (völlig unverständlich erscheint mir das Postulat auf Ludoversum, diese Wertungsweise aufzuheben und einfach die Punkte zu zählen – das nimmt dem Spiel doch einen entscheidenden Reiz???). Es muss also unbedingt noch mindestens ein weiteres Mal zu Tisch, bevor hier das endgültige, unumstößliche und vor allem weise Urteil gefällt werden kann.

 

Spielspaß: 2- (vorläufige Vermutung), Plättchenstanzung: 5- (endgültige Erfahrung)

 

Hoffentlich bald und dann mit makellosen Plättchen.

 Gus
(berichtete vom 16.12.09)

 PS: Noch ein kleiner Klugschwätzerhinweis für die 2. Auflage, sollte es zu einer Überarbeitung der Regeln kommen (warum auch immer, denn Unklarheiten konnten wir nicht finden): Der Peloponnes ist seit 200 Jahren im Deutschen maskulin oder, vom griechischen Geschlecht abgeleitet, altphilologisch feminin, nicht neutrum, und wird stets mit Artikel verwendet. So sollte es heißen “… Zivilisationen auf dem Peloponnes…” oder “…. Zivilisationen auf der Peloponnes….” nicht “… Zivilisationen auf Peloponnes…”. 

Kommentare
  1. Hallöchen!
    Sehr unterhaltsam geschrieben das Ganze. Leider habe ich die Probleme beim Auspöppeln schon von mehreren Leuten gehört, was besonders ärgerlich ist bei einer hochpreisigen Deutschen Produktion. Das Produktionswerk sträubt sich aber mit allgemeinen Phrasen vor einem finanziellen Zugeständnis (Produktionskontrolle.. bla bla).Hoffe ihr hattet (und habt) trotzdem ein wenig Spaß mit dem Spiel.
    Viele Grüße
    Bernd

  2. Kolzivers sagt:

    Um es kurz vorwegzunehmen und die überschriftige Frage zu beantworten: Nein! Attika (gespielt am 6.1.) war ein Musterbeispiel der Pappstanzkunst! Das Spiel selbst war “unumami” ;-)

  3. Gus Tarbiter sagt:

    Hallo Bernd,
    wir fühlen uns sehr geehrt, solch hohen Besuch in unseren heiligen Hallen begrüßen zu dürfen! Sehr stolz waren wir auf die Verlinkung auf deiner Homepage – die unseren Traffic hier übrigens ins Unvorstellbare gesteigert hat :-) .
    Falls du Beweismaterial beim Produktionswerk brauchst, darfst du gerne das obige Foto verwenden (vielleicht photoshopst du vorher noch ein bisschen an HErrn Rossis Finger herum ;-) ).
    Wir hatten übrigens tatsächlich trotzdem (mehr als) ein wenig Spaß und es wird mit Sicherheit nicht die letzte Partie gewesen sein.
    Im Gegenzug hoffen wir, du hattest tatsächlich auch ein wenig Spaß an unserem Bericht und “empfiehlst” uns weiter.
    Gus

  4. [...] – wie Butter auf einem warmen Toast glitten die Pappplättchen aus den Stanzrahmen – die Frage ist also mit NEIN zu [...]

  5. [...] sind wir mit unserem kleinen Bericht auf Platz 2, wenn man nach so einem idiotischen Scheiß [...]

  6. [...] Hassen Stanztechniker Griechen? January 20106 comments 4 [...]

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